MUSE-O: Den Draußenhockern auf der Spur

Den Draußenhockern auf der Spur
Waren einst in der pietistisch geprägten württembergischen Resi-denzstadt die Gartenwirtschaften verpönt – oder hat es sich vielleicht ganz anders verhalten? Das ist nur eine der Fragen, denen die neue Ausstellung im MUSE-O auf den Grund geht. „Draußensitzen – 300 Jahre Gartenwirtschaften in Stuttgart“ verspricht überraschende Ant-worten und Erkenntnisse.

24. Juli bis 23. Okt. 2022, Vernissage ist am Sonntag, 24. Juli 2022 um 15 Uhr.
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STUGGI.TV – Stuttgart heute
>> Fotogalerie: „Draußensitzen“ – Die Biergärten von früher bis heute <<
von: Johannes Frank
Veröffentlicht am 24. Juli 2022
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Historiker Ulrich Gohl hat mal wieder ordentlich gegraben in alten Dokumenten und dabei die früheste Erwähnung zweier Stuttgarter Gartenwirtschaften gefunden: Das war um das Jahr 1725, dokumen-tiert, weil sich Pfarrer über diese Lokale beschwerten. „Die waren übel beleumundet“, sagt Gohl: Glücksspiel und Séparées gab es dort.
Im 19. Jahrhundert nahm die Freiluftgastronomie dann einen gro-ßen Aufschwung. Ausflugsgaststätten, bewirtete Innenhöfe, Ver-einsheime vom Sänger- bis zum Schützenheim, Brauereigärten oder Lokale bei den Mineralbädern in Cannstatt und Berg boten Speis und Trank im Freien an. Im frühen 20. Jahrhundert kamen dann die Arbeiterwaldheime hinzu, die es so nur hier gibt. Wobei in Schwaben damals durchgängig von Gartenwirtschaften die Rede war. Der Begriff „Biergarten“ ist erst seit den 1980er-Jahren bei uns gebräuch-lich, eingeführt durch die massive Weißbierwerbung.

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Dem entspannten Draußenhocker bot sich ein herrlicher Blick über Stuttgart von der offenen Terrasse des Restaurants im Sünder, Diemershaldenstraße/Ecke Stafflenbergstraße. Postkarte, verschickt 1913. Sammlung: Gohl


Die Stuttgarter waren von jeher nicht zurückhaltender als andere Landesteile, ja sie waren sogar „berüchtigt als Draußenhocker“, wie Ulrich Gohl verrät. Schon die Vielzahl der Gartenwirtschaften sei be-eindruckend gewesen. Und der 1907 verstorbene Volksdichter Edu-ard Paulus schrieb gar in einem Gedicht, das Florenz, München und Stuttgart vergleicht, über die Schwabenhauptstadt:
„An den Bergen hangen Gärten, Blechmusik durchdröhnt die Nacht, Und hier sitzt der Kern des Volkes Und benebelt sich mit Macht.“


Vorarbeiten zu dem Thema gab es kaum, aber dafür umso mehr verstreutes Material – in abgelegener Literatur, aber auch von vielen Unterstützern zugetragen. Aus dem reichen Bildmaterial hat Gohl rund 200 Abbildungen ausgewählt, vor allem Postkarten und Fotos. Auf etwa zwei Dutzend Bildtafeln ist das Draußensitzen unter chro-nologischen und unter thematischen Vorzeichen aufbereitet. Zu se-hen sind aber auch auf einem Bildschirm passende kleine Fernseh-filme aus den 1960er- bis 1980er-Jahren.
Damit sind die Wände des MUSE-O belegt. Mitten im Raum befin-den sich die handfesten Objekte: das, worauf man in der Gartenwirt-schaft saß oder sitzt, von den ersten einfachen Bänken – aus vier Pfosten und einem Brett gezimmert – über Klappstühle und Bier-tischgarnituren bis hin zum Spaghettistuhl oder einem modernen Lounge-Möbelstück. Hier dürfen, ganz untypisch für ein Museum, die Besucherinnen und Besucher gerne ihre mitgebrachten Speisen und Getränke zu sich nehmen. Und an mehreren Tagen wird die MUSE-O-Gastronomie nicht nur im Lokal und im Hof, sondern auch in den Schauräumen im ersten Stock bewirten.
Draußensitzen. 300 Jahre Gartenwirtschaften in Stuttgart.

Eine MUSE-O-Ausstellung.
MUSE-O, Gablenberger Hauptstr. 130, 70186 Stuttgart

24. Juli bis 23. Okt. 2022,
Eröffnung So., 24. Juli, 15 Uhr

Geöffnet Sa, So 14-18 Uhr Eintritt: € 2,-, Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre frei
Aktuelle Informationen stets unter: www.muse-o.de
MUSE-O wird institutionell gefördert vom Kulturamt der Landeshauptstadt Stutt-gart